Zur Kunst des Lernens


Was soll das sein ?
PROZESSORIENTIERTES LERNEN 
Und wofür ?

Die pädagogischen Anforderungen unserer Zeit verlangen eine neue Ausrichtung der Lernmethoden. Dabei geht es nicht primär um die Unterrichtsinhalte. Es geht vielmehr um eine Individualisierung der Lernprozesse. Paradoxerweise müssen Schüler das Lernen lernen.

Im Jugendalter zeigt sich daher die Notwendigkeit, die Selbstständigkeit der Schüler deutlicher zu fördern und dadurch ihren Lernprozess zu individualisieren. Wir haben lange Zeit in der Leistungsbewertung hauptsächlich die Lernergebnisse evaluiert und weniger die Lernprozesse als solche beachtet.

Wir müssen nun angemessene Formen und Instrumente entwickeln, die im Rahmen von Schule den Lernprozess sichtbar machen, damit die Schüler selbst aktiv Verantwortung für ihre Lernprozesse übernehmen, sich und ihre Fähigkeiten besser und realistischer einschätzen können (z. B. auch im Hinblick auf Fragen der Berufswahl) und damit lernkompetent werden.

Unsere Schüler brauchen heute dementsprechend auch eine individuelle Hilfe für das Lernen. Dabei geht es vor allem um die Frage, wie der Lernprozess auch gleichzeitig Lerndiagnose und Lernhilfe werden kann.

Eine wichtige Funktion im Lernprozess ist die Hilfe zur Selbststeuerung der Schüler zum selbstständigen Lernen: das ist die Lernbegleitung. Die Schüler sollen mit dem Arbeitsprozess nicht alleine gelassen werden. Das Erfassen der Prozessleistung ist das Hauptanliegen der Lernbegleitung. Kontrolle und Bewertung müssen nicht nachträglich, sondern vor und während des Lernprozesses integriert werden.

So werden die Schüler verantwortliche Mitgestalter des Unterrichts. Der Lehrer ist nicht mehr nur Wissensvermittler, Prüfer und Beurteiler, sondern auch Lernbegleiter und Lernberater.

Schüler und Lehrer übernehmen hier bewusst und in enger Kooperation gemeinsam Verantwortung für das Lernen und auch für die Leistungsbewertung. Die Arbeit an der Qualität wird also zu einer gemeinsamen Aufgabe!

Zur Entwicklung, weiteren Erforschung und Erprobung dieser neuen Methoden der Lernbegleitung und der Dokumentation von Kompetenzen haben wir ein eigenes Forschungsinstitut gegründet, das Institut für prozessorientiertes Lernen (IPL).


Zur Vorgeschichte...

Als wir vor fast 40 Jahren in Bochum über einen eigenen Waldorfabschluss am Ende der 12. Klasse nachdachten, kamen wir auf die Jahresarbeiten und den künstlerischen Abschluss. In der Ausstellung der Jahresarbeiten und in den zugehörigen öffentlichen Vorführungen des künstlerischen Abschlusses werden alljährlich die Ziele des Waldorflehrplans für die Schulgemeinschaft sichtbar. Wir praktizieren nun mit den Jahresarbeiten und dem künstlerischen Abschluss seit fast 40 Jahren eine alternative Form der Leistungsbewertung. Sie hat sich pädagogisch bewährt und weltweit - nicht nur an Waldorfschulen - Anerkennung und Nachfolge gefunden.

Andererseits werden an unserer Schule auch die staatlichen Abschlüsse (Hauptschulabschluss, Fachoberschulreife und Abitur) vergeben. Die staatlichen Anforderungen, die Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit müssen durch Prüfungen und Notenzeugnisse nachgewiesen werden. In Hinblick auf die staatlichen Abschlüsse erfahren wir Eingriffe in unseren Lehrplan, die der Gestaltung eines eigenen Waldorfabschlusses immer weniger Spielraum geben und diesen letztendlich grundsätzlich in Frage stellen. Auf diesem Hintergrund und im Bewusstsein der dringenden Notwendigkeit haben wir im Jahre 2003 an der Rudolf Steiner Schule Bochum angefangen, in Form eines Abschlussportfolios den eigenen Waldorfabschluss weiterzuentwickeln.

Da die sozialen und persönlichen Kompetenzen, die durch schulische Aktivitäten gefördert werden, mit den herkömmlichen schulischen Mitteln (Prüfungen und Noten) nicht sichtbar gemacht werden können, brauchen wir neue Formen der Dokumentation. Die waldorfspezifischen Inhalte unserer Oberstufenpädagogik, wie Klassenspiel, Praktika, Jahresarbeiten etc. müssen methodisch neu gegriffen werden, damit sie nicht durch die Anforderungen von außen überdeckt werden und uns langfristig verloren gehen. In diesem Zusammenhang haben wir in Bochum das oben genannte Abschlussportfolio und eine Konzeption der Lernbegleitung entwickelt, die den Lernprozess und nicht das Lernergebnis in den Mittelpunkt stellt.

Eine Dokumentation ist dabei die Voraussetzung, dass Lernprozesse, ihre Ergebnisse, darauf bezogene Reflexionen und Beurteilungen sichtbar werden. Eine solche Dokumentation der Lernprozesse vermittelt ein Bild von dem, was der Schüler will, was er kann und welche Arbeitsschwerpunkte er hat.